Nekrolog für einen Freund?

Nun las ich wieder so einen Satz. Dass man sich täuschen könne im Leben. Dass man gedacht habe, einen Freund zu haben. Und dass man feststellen musste, in einer bestimmten Situation, dass das gar nicht stimme. Kurioserweise schrieb das jemand, mit dem ich als Jugendlicher die Straße unsicher gemacht hatte. Das ganze restliche Leben hatten wir uns aus den Augen verloren und nun liefen wir uns wieder elektronisch über den Weg. So weit, so nah, könnte deklamiert werden. Denn wer kennt solche Situationen nicht. Freundschaften, von denen geglaubt wurde, sie hielten ein ganzes Leben, gehen dann doch in die Brüche. Und zumeist mit einer tiefen Enttäuschung.  

Nun kann darüber geklagt werden, weil etwas, von dem man glaubte, dem Leben einen Anker zu geben, sich als eine Schimäre herausstellt. Aber als durch das eigene Leben gegerbte Zeitgenossen wissen wir, in unserem tiefsten Innern, dass nichts bleibt, wie es war und alles im Fluss ist. Und vieles, was wir im Allgemeinen als die Verhältnisse beschreiben, wird auch nicht besser, obwohl wir das immer wieder hoffen, sondern schlicht anders. 

In der letzten Dekade häuften sich die Verluste von als fest im eigenen Leben betrachtete Freundschaften. Die Anlässe, oder sind es gar die Ursachen?, dafür sind einschneidende, politische und die ganze Gesellschaft betreffende Ereignisse. Sie hatten den Charakter der innewohnenden Polarisierung. Ob die Beschneidung demokratischer, unveräußerlicher Grundrechte während der Corona-Zeit oder das neue Feindbild Russland und die damit verbundene Militarisierung der deutschen Gesellschaft oder der Machtwechsel in den USA. Immer gab und gibt es ein Für und Wider. Und immer hängt von den jeweiligen Entscheidungen sehr viel ab. 

Mir selbst erging es in einigen Fällen nicht anders, als dem juvenilen Rowdy früherer Tage, der sich zu einem respektablen bildenden Künstler gemausert hat. Nur als kleine Einschätzung meinerseits: Nutze deine kreativen Potenziale, um die gemachte Erfahrung zum Ausdruck zu bringen! Das ist die große Chance, die Enttäuschungen mit sich bringen. Der Extrakt daraus ist die Essenz menschlichen Lernens.

Meine Erfahrungen mit solchen schwerwiegenden Brüchen reichen Jahrzehnte zurück. Als damit begonnen wurde, Kriege moralisch zu begründen. Das zerschnitt alles, was ich in meiner Generation als eine sozialisierte Basis zu bezeichnen geneigt bin. Da setzten dann im Zwischenmenschlichen Entfremdungsprozesse ein, die in extrem unterschiedlichen Charakterentwicklungen endeten. Ich frage mich bis heute, wie Menschen von Intelligenz davon überzeugt sein können, dass man ohne Menschenliebe durch das Dasein kommen kann. Der jetzt so verbreitete Hass, dem viele Menschen leider folgen, wird in einem Fiasko enden.

Der von mir so geliebte Oskar Maria Graf, der mit soviel Empathie und Herz den Lebenskampf der einfachen Leute schildern konnte, hatte sich, in seinem New Yorker Exil, dazu verleiten lassen, den „Nekrolog für einen Freund“ zu verfassen. Er bezog sich dabei auf eine der schillerndsten Figuren des deutschen 20. Jahrhunderts, Franz Jung. Er verriss diesen Abenteurer, Weltenbummler und auf vielen Gebieten produktiven ehemaligen Freund mit beißendem Spott. Der Clou war, dass Franz Jung zu diesem Zeitpunkt noch lebte.  

Was man aus dieser gewollten Entgleisung lesen kann, ist der Grad der eigenen Verletzung. Danach schrieb Graf allerdings noch Bücher, die bis heute seinen tiefen Eiblick in die menschliche Seele dokumentieren. Nach dem ersten Zorn folgte die Kontemplation.

Und so sollten wir es halten. Natürlich dürfen wir zornig sein, wenn wir Menschen, die wir als Freunde betrachteten, verlieren. Aber wir sollten daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Nichts bleibt, wie es war und wir wissen nie, wohin die Kugel rollt.

Nekrolog für einen Freund?
Dystopian Kyiv city burning, with text reading “КИЇВ ПАЛАЄ, БЕРЛІН НАСТУПНИЙ” and “ПЕРШИМ ГОРИТЬ КИЇВ, ПІСЛЯ БЕРЛІН.”

Erst fällt Kiew, dann Berlin?

Was ist Diplomatie? Vertreter unterschiedlicher Interessen setzen sich an einen Tisch und beginnen ein Gespräch. Dabei beschreiben die verschiedenen Parteien ihre jeweiligen Interessen und versuchen Schnittmengen zu finden. Auf Basis dieser Schnittmengen wird die Möglichkeit von Vereinbarungen austariert, die von beiden Seiten als gewinnbringend bezeichnet werden können. Voraussetzung für einen solchen Prozess ist der Wille der verschiedenen Parteien, den Status Quo mit seinen für alle Seiten festzustellenden Nachteilen überwinden zu wollen. 

Was ist keine Diplomatie? Wenn sich Vertreter unterschiedlicher Interessen treffen, um sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Der Worst Case solcher Treffen ist ein Beginn mit der Klärung von Schuldfragen. Und das zweite Vergehen beginnt damit, das jeweilige Gegenüber zu tadeln und belehren zu wollen. Selbstverständlich existieren Verhältnisse, die es sehr schwer machen, sich an einen Tisch zu setzen. Und dennoch ist es sinnvoll, dieses zu tun. Ein Richelieu, sicherlich eine Ikone der modernen Diplomatie, beschrieb es damit, dass ein Diplomat sich nie aufrege, sondern allenfalls Notizen mache. Oder ein Willy Brandt, der nach dem Einrollen der Panzer des Warschauer Paktes in Prag im Jahr 1968 sagte, gerade jetzt müsse man das Gespräch mit der UdSSR suchen.  

Die Attitüde, mit der das Handwerk der Diplomatie ausgeführt werden muss, kann beschrieben werden als eine alles überragende emotionale Kühle, eine scharfe Beobachtungsgabe, als die Beherrschung der Dechiffrierung symbolischer Handlungen und als der Fähigkeit, die eigenen Interessen präzise beschreiben zu können. Das ist nicht wenig. Das ist hohe Schule. Und es ist keine Larmoyanz, sondern leider die Beschreibung längst etablierter Zustände, dass diese Fähigkeiten im außenpolitischen Ressort dieses Landes nicht mehr zu identifizieren sind.

Es ist müßig, nach den Wurzeln dieser Entwicklung zu suchen. Evident ist, dass grüne Außenminister das Kunststück fertig gebracht haben, aus einer Domäne staatlicher Diplomatie eine Propagandaabteilung zu machen. Das Tragische an dieser vielleicht noch als Unfall zu beschreibenden Ereignisse ist, dass sie damit auch den Nachfolgern eine Art Standard vermittelt haben. 

Und so verwundert es nicht, dass der Auftritt des gegenwärtigen deutschen Außenministers, seinerseits Mitglied der CDU, es fertig gebracht hat, nach Jahren der Stille zwischen Russland und Deutschland das Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Lawrow am Rande der UN-Generalversammlung in New York zu einer unwürdigen Farce verkommen zu lassen. Anstatt hinter verschlossenen Türen die jeweiligen Interessen auszutarieren und zu versuchen, einen Prozess zu beginnen, bei dem Schnittmengen identifiziert werden könnten, erzählte er den ihm gegenüber sitzenden Russen, was für schlechte Menschen sie seien und was sie zu tun hätten.

Einmal abgesehen davon, dass zu Gesprächen der Diplomatie auch eine realistische Selbsteinschätzung gehört, drohte er auch nicht nur mit weiteren Sanktionen, über deren fatale Wirkung im eigenen Bereich keine Zweifel mehr bestehen, auch noch bis hin zu militärischem Vorgehen. Ob so etwas generell klug ist, kann bezweifelt werden. Ob so etwas strunzdumm ist, wenn man die Mittel bei einer gegenüber sitzenden Atommacht dazu nicht hat, unterliegt allerdings keinerlei Zweifel. 

Wenn etwas durch diesen Auftritt deutlich wurde, dann ist es der Unwille, mit Russland über die Möglichkeit eines Friedens zu reden. Der Krieg in der Ukraine ist als Geschäftsmodell zu lukrativ, als dass er von den Schachfiguren deutscher wie transatlantischer Kriegsprofiteure beendet werden sollte. Die Faselei dieser Figur über das Wesen der Diplomatie ist ein weiterer Grund für die Talfahrt dieser Art von Politik. Es drängt sich ein momentan so gern bemühtes Lied mit einer kleinen Textänderung auf. Wenn das so weiter gehen sollte, fällt zunächst Kiew, und dann Berlin.  

Erst fällt Kiew, dann Berlin?
Glowing digital human amid neon city with text: INEVITABLE FAILURE, WORTHLESS, MEANINGLESS, WHY BOTHER?, NEVER ENOUGH, ISOLATION, FALSIFIED, REGRET, LOST, IMPOSTER SYNDROME

Menschenseele

Strebt sie
des Menschen Seele
nach Empörung
exklusiv?

Kann sie
im tiefsten
Innern
sich nur am Urteil
über andere erfreuen?

Hat sie nichts
was ihr genügt
jenseits
aller Häme?

Ist sie
mit allem
was sie hat
nie mit sich selbst zufrieden?

Welches Urteil
wäre ihres
sähe sie sich
von einem anderen Stern?

Gibt es sie noch
in all dem Ramsch
der sie umgibt
und langsam frisst?
Menschenseele